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Kernenergie Weltweit

Kernenergie trägt rund zehn Prozent zur weltweiten Stromproduktion bei. Ende 2022 umfasste der Kernkraftwerkspark 438 Reaktoren in 33 Ländern. Davon decken 13 Länder – darunter die Schweiz – mehr als einen Viertel ihres Strombedarfs mit Kernkraftwerken. 19 von 36 OECD-Ländern erzeugen Strom mit Kernkraftwerken. Der Anteil der Kernenergie beträgt in 9 dieser 20 Länder rund 30 Prozent und im Schnitt aller OECD-Länder rund 18 Prozent (Daten 2021). In der Europäischen Union beträgt der nukleare Anteil 25 Prozent.

Sechs neue Einheiten gingen im Jahr 2022 ans Netz, fünf wurden stillgelegt. Die USA erzeugten im Jahr 2022 mit 92 Anlagen (2 stehen in Bau) am meisten Atomstrom, vor China (55 Reaktoren), Frankreich (56 Reaktoren) und Russland (37 Reaktoren). 

In Japan haben seit dem Erdbeben in Fukushima 10 von 33 Kernkraftwerken alle Stufen des verschärften Wiederinbetriebnahme-Verfahrens erfolgreich abgeschlossen und sind wieder in Betrieb.  7 Anlagen haben bereits die Genehmigung zum Wiederanfahren. Weitere 10 haben ihre Sicherheitsinspektion für die Wiederinbetriebnahme abgeschlossen und wären betriebsbereit. Zwei Anlagen befinden sich im Bau. 

Anders als in der Schweiz und in Deutschland, das die letzten drei Reaktoren im Frühling 2023 ausser Betrieb nehmen will, investieren die meisten Kernenergieländer weiterhin in diese ressourcen- und umweltschonende Technologie. So standen Ende 2022 weltweit 57 Kernkraftwerke in Bau, 18 davon in China, und gut 100 sind geplant.

Grafik KKW WELT Ende 2022

Nach Fukushima haben viele Länder ihre Kernanlagen sowie ihre Strompolitik überprüft. Die EU-Länder und die Schweiz unterzogen ihre Kernkraftwerke einem Stresstest, um sie hinsichtlich der Erkenntnisse aus dem Unfall in Japan zu prüfen und allfällige Schwachstellen zu beseitigen. In der Schweiz verfügte die nukleare Aufsichtsbehörde Ensi umfangreiche Sicherheitsüberprüfungen. Die Behörde startete einen Aktionsplan, um die Lehren aus Japan in der Schweiz umzusetzen. Diese Arbeiten wurden Ende 2016 abgeschlossen. Die Resultate der Sicherheitsüberprüfungen waren für die Schweiz grundsätzlich positiv. Einige potenzielle Schwachstellen wurden behoben und die Sicherheitsmargen weiter erhöht.

Der Hergang des Unfalls in Fukushima wurde weltweit genau analysiert. Dabei kamen die japanische Regierung und eine vom Parlament eingesetzte Kommission zum Schluss, dass die Ursache nicht die Technik an sich, sondern die ungenügende Sicherheitskultur gewesen war: Der zunehmende internationale Wissensstand war nicht – wie etwa in der Schweiz – in technischen Nachrüstungen umgesetzt worden. Wären in der Anlage von Fukushima die internationalen Standards eingehalten worden, wäre der Unfall nicht passiert.

Da es also beim Einhalten der internationalen Standards aus technischer Sicht keinen Grund gibt, auf Kernenergie und ihre bedeutenden Vorteile zu verzichten, setzen fast alle Kernenergienationen ihre zivilen nuklearen Programme fort. Es gibt daneben eine ganze Reihe Länder, die beschlossen haben oder sich überlegen, in die Nutzung der Kernenergie (wieder) einzusteigen. Bereits mit dem Bau ihrer ersten Kernkraftwerke begonnen haben Bangladesch, die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Weissrussland. Heute sind gut 100 Kernkraftwerke weltweit in der Projektierungs- oder Bewilligungsphase. Ein bedeutender Anteil dieser Projekte ist in Asien, namentlich in China und Indien, zu finden. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) erwartet deshalb eine bedeutende Zunahme der Kernenergienutzung in dieser Region.

Bautätigkeiten in den USA und Westeuropa

In den USA verabschiedete der Kongress im Sommer 2005 ein neues Energiegesetz, das CO₂-arme Energien fördert und somit auch die Tür für neue Kernkraftwerke weit öffnet. Der Staat straffte das Bewilligungsverfahren und steht bei den ersten sechs neuen Kernkraftwerken für die Mehrkosten gerade, falls sich das Verfahren ohne Verschulden der Bauherrschaft verzögert. Zwei der Anlagen werden derzeit gebaut.

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Die USA fördern alle CO2-armen Energieformen: Hier der Bau eines der zwei neuen Kernkraftwerke am Standort Virgil C. Summer in South Carolina. (Bild: SCE&G)

In Europa ist Ende 2021 im finnischen Olkiluoto das fünfte Kernkraftwerk des Landes in Betrieb gegangen, ein europäischer Druckwasserreaktor modernster Bauart (EPR). In Finnland sind zudem Vorbereitungen für den Bau eines weiteren Kernkraftwerks am Laufen. Das Land will damit seine Abhängigkeit von russischen Stromlieferungen verkleinern. Ein weiterer EPR steht in Europa seit Ende 2007 in Frankreich am Standort Flamanville in der Normandie in Bau.

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Frankreichs erstes Kernkraftwerk vom Typ EPR soll ca. 2023 die Stromproduktion aufnehmen. (Bild: EdF)

Anfang 2008 entschied die britische Regierung, alternde Kernkraftwerke durch neue zu ersetzen. Grossbritannien plant gegenwärtig den Bau von gut 16’000 Megawatt neuer nuklearer Kapazität an acht bereits definierten Standorten. Damit würde das Königreich den Atomstromanteil von heute rund 20 Prozent auf über 40 Prozent verdoppeln. Dies ausdrücklich, um die Abhängigkeit von fossilen Energien und deren klimaschädigenden Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Am weitesten fortgeschritten ist das Bauprojekt vom Hinkley Point im Süden Englands, wo zwei Reaktoren vom Typ EPR gebaut werden sollen.

Osteuropa: von Kohle und Gas zur Kernenergie

Auch mehrere mittel- und osteuropäische Länder setzen auf Kernenergie. Sie wollen ihre Abhängigkeit von Kohle und Erdgasimporten verringern oder ihre bestehenden Kernkraftwerke durch neue, moderne Anlagen ersetzen. So ist in der Slowakei gegenwärtig ein russischer Reaktoren in Bau, der fünfte ist fertiggestellt und soll Ende 2023 mit dem Netz synchronisiert werden. Rumänien nahm im Jahr 2007 sein jüngstes Kernkraftwerk in Betrieb (Cernavoda-2, ein kanadischer Candu-Schwerwasserreaktor). Das Land plant, zwei Einheiten desselben Typs mit chinesischer Unterstützung in den nächsten Jahren zu bauen. Polen will mit dem amerikanischen Partner Westinghouse sechs Blöcke bauen.

Ernsthaft geprüft wird der Neubau von Kernkraftwerken in Bulgarien, Tschechien, Litauen, aber auch in Schweden und den Niederlanden, wo zwei neue Reaktoren am bestehenden Standort in Borssele vorgesehen sind. Auch Ungarn will neue Kernkraftwerke bauen. Es hat deshalb mit Russland 2014 ein Abkommen zu Bau von zwei Blöcken abgeschlossen.

Russland und Asien setzen auf Kernenergie

China stieg spät in die Kernenergie ein: Das Land nahm sein erstes Kernkraftwerk erst Anfang der 1990er-Jahre in Betrieb. Mittlerweile versorgen 55 Kernkraftwerke das Land mit Strom (Stand Januar 2023). Ihr Anteil an Chinas Strommix beträgt 5%. Diese Zahl wird in den kommenden Jahren stark wachsen: 18 Kernkraftwerke stehen in Bau und drei Dutzend sind in fortgeschrittenem Planungsstadium. Bauaktivitäten gibt es auch in Südkorea sowie in Bangladesch, das derzeit seine zwei ersten Kernkraftwerke baut.

Ehrgeizige Ausbauprojekte verfolgen auch Russland und Indien. Ende 2022 standen in Russland vier Reaktoren in Bau, 16 sind geplant. Auch ist seit 2021 das weltweit erste schwimmende Kernkraftwerk mit zwei kleinen Reaktoren für die Strom- und Fernwärmeversorgung in der russischen Arktis in Betrieb. In Indien waren Ende 2022 acht Reaktoren in Bau und rund 18 weitere Anlagen geplant. Pakistan hat seinen sechsten Reaktor fertiggestellt und plant noch einen weiteren.

Der nahe Osten und Lateinamerika ziehen mit

Bemerkenswert ist auch, dass die Vereinigten Arabischen Emirate, die über grosse Erdölvorkommen verfügen, für die Zukunft auf Kernenergie setzen: Im Sommer 2012 begannen sie mit dem Bau des ersten von vier Kernkraftwerken koreanischer Bauart. Mittlerweile haben drei Reaktoren die Stromproduktion aufgenommen. Auch die Türkei ist dabei, in die Nutzung der Kernenergie einzusteigen. Seit April 2018 stehen vier Kernkraftwerk am Standort Akkuyu an der Mittelmeerküste in Bau. Vier weitere Einheiten sind im Norden am Standort Sinop geplant.

Der Iran nahm sein erstes Kernkraftwerk 2011 in Betrieb. Das Land will mit russischer Unterstützung weitere Reaktoren bauen. Argentinien, Brasilien, Mexiko und Südafrika bereiten gegenwärtig den Ausbau ihres heutigen Kernkraftwerkparks vor. In Argentinien ging Anfang 2014 das dritte Kernkraftwerk des Landes in Betrieb. Brasiliens drittes Kernkraftwerk soll 2023 die Stromproduktion aufnehmen.

Gute Gründe für neue Kernkraftwerke

Diese Bautätigkeit hat handfeste Gründe:

  • Die Kernkraftwerke aus dem Boom der 1970er-Jahre nähern sich in absehbarer Zeit dem Ende ihrer wirtschaftlichen Betriebsdauer. Ihr Ersatz muss rechtzeitig in Angriff genommen werden.
  • Die Nachfrage nach Strom nimmt weltweit laufend zu, besonders in bevölkerungsreichen Schwellenländern wie Brasilien, China oder Indien, die seit Jahren ein hohes Wirtschaftswachstum zeigen. Gemäss den Schätzungen der amerikanischen Energy Information Administration dürfte sich die weltweite Stromnachfrage bis 2025 praktisch verdoppeln.
  • Die Preisstabilität von Kernenergie, die anders als bei fossilen Energieträgern kaum vom Preis des Brennstoffs abhängt, macht die Kernenergie attraktiv.
  • Die neuen erneuerbaren Energien sind nicht regelbar und produzieren nicht bedarfsgerecht.
  • Der Klimaschutz und die knapper werdenden Rohstoffe sprechen für die praktisch treibhausgasfreie, umweltschonende Kernenergie.

Nach zwei Jahrzehnten mit geringer Bautätigkeit werden heute wieder mehr neue Kernkraftwerke gebaut. Die zahlreichen technischen Entwicklungen im Reaktorbau der letzten Jahrzehnte müssen sich jetzt kommerziell bewähren.

Fossile Energien belasten die Atmosphäre zu stark mit Treibhausgasen. Klimafeundliche Optionen wie die Kernenergie sind jetzt dringend nötig.